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Donnerstag, 25. April 2013

Einzelhandel in Viersen: „Wir sind alle verantwortlich“

Interview mit Thomas Küppers zur Situation des Viersener Einzelhandels

Wirtschaftsförderer Thomas Küppers

Wirtschaftsförderer Thomas Küppers

Das Wachstum von Online-Händlern, wie die jüngste Bilanz von Zalando bestätigt, geht ungebremst weiter. Gleich­zeitig starten in Mönchengladbach die Hochbauarbeiten für das neue mfi-Einkaufszentrum. Herausforderungen, denen sich der stationäre Einzelhandel in Viersen stellen muss. Im Interview spricht Thomas Küppers, Leiter der städtischen Wirtschafts­förderung und Vorstandsmitglied des Werbering Viersen aktiv e.V. über den Einkaufsstandort Viersen und über Wege, wie es Viersen gelingen kann, die Herausforderung nicht nur anzu­nehmen, sondern auch mit gemeinsamer Kraft zu meistern.

Herr Küppers, in der aktuellen Vorlage des vergan­genen Ausschusses für Wirtschaftsförderung wird die Situation für Viersen ausführlich beleuchtet. Wie ist es, kurz umrissen, um die Einkaufsstadt Viersen bestellt?

Aus meiner Sicht brauchen wir uns vor den Angeboten in den Nachbarkommunen nicht zu verstecken, im Gegenteil: Viersen ist mit seinem sehr differenzierten Angebot und den vielen inhabergeführten Fachgeschäften ein großes attraktives Einkaufszentrum. Das Sortiment im Haupteinkaufszentrum von Alt-Viersen ist nicht, wie in mittlerweile weiten Teilen der Republik verbreitet, standardisiert und vereinheitlicht, sondern individuell und interessant. Wir haben hier eine herausragende Einkaufs­atmosphäre und eine hohe Aufenthaltsqualität. Alt-Viersen kann sich mit einer weit über dem Bundesdurchschnitt liegenden Zentralitätskennziffer sogar mit etlichen Oberzentren messen. Gleichzeitig konnten steigende Umsätze generiert werden. Wir sollten also an dieser Mischung aus Filialisten und Fachge­schäften als ein Viersener Alleinstellungsmerkmal unbedingt festhalten. Ein besonderes Augenmerk müssen wir aktuell auf die Entwicklungen am Remigiusplatz und in der Südstadt sowie auf die Situation im Rathausmarkt und den zu beobachtenden Rückgang des Gastronomieangebotes richten.

Welche Bedeutung hat denn nach Ihrer Einschätzung der Einzelhandel in Viersen?

Der Einzelhandel spielt für die Urbanität unserer Stadt eine herausragende Rolle. Einkaufen ist neben der Fahrt zur Arbeit, der häufigste Grund für Menschen in die Innenstadt zu fahren. Vor allem in Alt-Viersen verfügen wir über stark frequentierte und umsatzstarke Einkaufslagen, in denen die Nachfrage nach Ladenflächen ungebrochen groß ist. Auch die Umfragewerte und Analysen von externen Fachunternehmen zeigen, dass der Einzelhandel im Hauptgeschäftszentrum Viersen sehr gut funktioniert. Dieses Potenzial können und müssen wir weiter ausbauen. 

Wie wirkt sich das geänderte Einkaufsverhalten, Stichwort Onlineshopping, denn in Zukunft aus?

Das eWeb-Reseach-Center der Hochschule Niederrhein hält einen Anstieg des Onlinehandels am Gesamtumsatz des Einzel­handels bis 2020 auf rund 20 Prozent für ein realistisches Szenario – allerdings nur im Non-Food-Bereich. Genauso sicher ist es aber auch, dass Kunden die Ware weiterhin „testen und anfassen“ wollen. Das Bedürfnis nach persönlicher Beratung und dem Shoppingerlebnis bleibt also bestehen. Dies ist ein wichtiger Punkt, den wir beachten sollten. Zudem spielt auch eine kunden­freundliche Verkehrsführung sowie eine bequeme Parkplatzsituation für die Entscheidung lieber stationär einzukaufen eine große Rolle. Viersen mit seiner Möglichkeit des kostenfreien oder günstigen Parkens auf vielfältigen Flächen und seinen guten Verkehrsverbindungen hat dafür schon beste Voraussetzungen geschaffen. 

Wie können die Einzelhändler Ihrer Meinung nach diese Vorteile nutzen?

Es wird wichtiger sein, sich ein deutliches Profil zu verleihen. Hier muss aktiv nach Abgrenzungsmerkmalen und nach dem Besonderen und Herausragenden des eigenen Geschäftes und Angebotes gesucht werden. Dazu gehört auch ein attraktives und interessant gestaltetes Produktportfolio. Beratungs- und Serviceangebote weit über das normale Maß hinaus sind ebenfalls unabdingbar. Einzelhändler müssen sich künftig noch stärker als Dienstleister begreifen. Selbstverständlich wäre auch eine Mitgliedschaft im Werbering Viersen e.V. wichtig. Denn es muss allen klar sein: Nur zusammen sind wir stark!

„Wir“ sind für Sie aber nicht nur Einzelhändler?

Nein! Wir werden in der Zukunft nur dann im Wettbewerb bestehen, wenn wir uns alle, und damit meine ich auch die Eigentümer von Einzelhandelsimmobilien, die Akteure in der Stadt und vor allem die Kunden, der Verantwortung für unsere Stadt bewusst sind. Ein Gegenseitiges auf den anderen zeigen ist genauso kontraproduktiv wie das Denken im Konjunktiv. Es geht um die Entwicklung realer Ziele und um konkretes Handeln auf dem Weg dahin. Da hilft natürlich keine operative Hektik. Langfristig greifende Konzepte müssen geplant und konsequent umgesetzt werden. Das wird aber nur funktionieren, wenn sie von allen umgesetzt werden.

Was erwarten Sie denn von den Eigentümern?

Die Eigentümer von Handelsimmobilien sollten eine rechtzeitige und auskömmliche Investitionsbereitschaft zeigen. Dazu die Einsicht, das Mietzinsniveau so zu gestalten, dass Einzelhandel an dieser Stelle auch in der Zukunft unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten attraktiv erscheint. Der letzte Cent oder Euro an Mieteinnahme mag kurzfristig den Geldbeutel füllen ist aber langfristig die falsche Entscheidung.

Sie sehen aber auch die Kunden in einer großen Verantwortung?

Letztendlich sind sie es, die über die Zukunft unserer Städte entscheiden werden, also auch über die Innenstadtstrukturen in Viersen. Wenn man auch den Onlinehandel, unpersönlich wie er ist, mit seiner größtenteils nicht vorhandenen Beratungsleistung, als vermeintlich bequem empfinden mag, er wird den stationären Einzelhandel niemals ersetzen können. Als Kunde sollte ich realisieren, dass der stationäre Einzelhandel auch nur dann weiterhin mit seinen Beratungs- und Serviceleistungen sowie mit der persönlichen Atmosphäre überzeugen und am Markt bestehen kann, wenn ich als Kunde auch vor Ort einkaufe. Nur so kann der Einzelhändler Umsätze generieren. Wer nur guckt und später klickt, hilft dem Einzelhändler nicht. Jeder, der nicht so handelt, sollte sich vor Augen führen, dass Kulturangebote, Gastronomie und Feste aller Art immer wieder auch durch die Unterstützung des Einzelhandels realisiert werden. Einfach ausgedrückt wird ein Online-Händler wie Zalando keine Schuhe für Kinder an Nikolaus in Viersen befüllen.

Und in welcher Verantwortung steht die Stadt?

Neben unseren Aktivitäten in den einzelnen Stadtteilzentren ist es unser Ziel, das Hauptgeschäftszentrum von Viersen weiter zu forcieren. Dazu gehört es auch Flächen zu schaffen für großflächigen Handel und in der Akquise neuer Geschäfte den qualitativ hochwertigen Branchenmix aufrechtzuerhalten. Durch unsere, im Ausschuss für Wirtschaftsförderung bereits beschlossene Initiative, „Konzeption Einkaufsstadt Viersen 2020“ werden wir konzeptionelle Grundlagen schaffen und daraus ganz konkrete Maßnahmen entwickeln, die dann in den politischen Gremien zur Beratung und Beschlussfassung anstehen. Wir haben uns drei Handlungsfelder vorgenommen: Im ersten Feld konzentrieren wir uns auf die Innenstadtbelebung und das Innenstadtmarketing, mit dem Zweck die Kundenbindung zu erhöhen und das Erlebnis Innenstadt mit Veranstaltungen, Sicherheit und Sauberkeit zu verbessern. Das zweite Handlungsfeld umfasst die Gestaltung der City und die Verbesserung der Aufenthaltsqualität. Das dritte Handlungsfeld lässt sich verkürzt mit den Schlagworten Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing umreißen. Einerseits haben wir eine Vielzahl von Herausforderungen zu bewältigen, andererseits sind damit auch eine Vielzahl von Chancen ver­bunden, aber WIR müssen sie nutzen. Dazu gehören kreative Ideen und Gedanken, persönliches Engagement eines jeden Einzelnen und natürlich personelle und finanzielle Ressourcen von allen Beteiligten.